Erfahrungsbericht

Wir stehen vor dem berühmt berüchtigten Fährhafen von Kuryk. Eigentlich sind alle Geschichten, die man zu dieser ominösen Fähre hört, abgewandelte Horrorstories von tagelanger Warterei. Grosszügig haben wir darum damit gerechnet, einen Zeitverlust von mindestens einer Woche in Kauf nehmen zu müssen. Wir kommen abends an und fragen den netten Zöllner, wann denn die Fähre fahre? „Übermorgen“, ist die Antwort. (Übersetzt heisst das: Irgendwann – In schā‘ Allāh) Auf dem Parkplatz vor der Fähre stehen bereits 4 türkische Lastwagen. Wir freunden uns mit den Fahrern an und werden zum leckeren Znacht eingeladen.

Tag 1

Schon morgens wird klar, dass heute keine Fähre kommt. Wir fahren also 20 Kilometer zurück ins nächste Dorf und decken uns mit Wasser ein, waschen Wäsche, räumen unser Auto auf. Daneben trinken wir Unmengen von Tee mit den liebenswürdigen, kurdischen Lastwagenchauffeuren. Gegen Abend trudeln Anja und Manuel aus Zürich zusammen mit ihrem flotten VW Bus ein.

Tag 2

Als wir am Morgen aus dem Auto krabbeln, begrüssen uns die langen Gesichter der Lastwagenfahrer. Die Fähre komme heute ebenfalls nicht. Wir kreuzen also wieder beim Personal des Hafens auf und finden jemanden, der ein wenig Englisch spricht. Motiviert klärt er unsere Fragen:
„Nein, die Fähre kommt nicht heute. Evtl. übermorgen – In schā‘ Allāh.“
„Nein, im Hotel duschen, können wir nicht.“
„Nein, einen Bankomat gibt es nicht.“

Gerade Letzteres bereitet Probleme. Wir haben nicht genügend Bargeld um die Fährenüberfahrt zu bezahlen. (Mit Karte zahlen kann man nicht.) Also machen sich Cyrill und Manuel, sowie ein Lastwagenfahrer auf den Weg ins Dorf. Zwei kommen mit Tenge (der kasachischen Währung) zurück und Einer mit Bergen von Gemüse. Die Fahrt hat sich also für alle gelohnt.

Wir wollen abends gerade ins Bett kriechen, als sich plötzlich doch was tut. Alle Fahrer müssen zum Zollgebäude und Papierkram erledigen. Nachts um 1 Uhr dürfen wir dann alle noch aufs Hafengelände fahren und dort dann endlich in unsere Betten kriechen.

Tag 3

Morgens werden wir geweckt, weil unbedingt jemand unser Papier von letzter Nacht sehen will – wofür weiss niemand so genau. Um 9 Uhr, hiess es, sollen wir ins Fährengebäude kommen um die Tickets für die Fähre zu bezahlen. Pünktlich um 9 Uhr stehen wir also beim Empfangsdesk, wo wir dann auch die nächsten 5 1/2 Stunden auf den Ticketverkäufer warten…

Nachmittags um 3 Uhr können wir endlich unsere Tickets kaufen – wohlgemerkt nur die Passagiertickets für uns. Die Kosten für den Autotransport können wir erst in Aserbaidschan bezahlen. Pünktlich um 5 Uhr können wir dann mit 3 Tagen Verspätung auf die Fähre fahren.

Tag 4

Unsere Fährüberfahrt verläuft erstaunlich ruhig. Wir teilen uns zusammen mit Anja und Manuel eine 4er Kabine. Der Schiffskoch versorgt uns mit Essen (oder so), welches im Fahrpreis inbegriffen ist. Die Toiletten rufen in uns nicht gerade ekstatische Freudenzustände hervor. Die Spülung funktioniert nur so halbwegs und die Türen lassen sich nicht abschliessen.

Abends um 8 Uhr legen wir an … und das Chaos beginnt von Neuem. Immerhin sind die aserbaidschanischen Zöllner deutlich besser gelaunt, wenn auch nicht viel arbeitswütiger als ihre kasachischen Kollegen. Unsere Pässe werden erstaunlich speditiv kontrolliert und abgestempelt, doch die Fahrzeugregistrierung dauert wieder Stunden. Als allererstes wird unsere Drohne plombiert (ist nicht erlaubt in Aserbaidschan), dann wir ganz kurz hinten ins Auto geguckt und alles abgesegnet. Danach müssen wir quer übers Gelände gehen um die Fahrzeugtransport-kosten zu bezahlen. Das geht leider nicht ohne viel hin und her und hundert Mal Geld wechseln – Nur weil niemand klar die Abläufe erklären kann. Im Nachhinein hört sich nun alles einfach an, aber zwischen den einzelnen Stationen, die wir anlaufen, vergehen Stunden an Wartezeit. Selbst den Lastwagenfahrern, die sich in Sachen Grenzübertritt einiges gewohnt sind, wird die Sache irgendwann zu bunt.

Tag 5

Es wird nachts um 3 Uhr bis wir endlich die letzte Schranke passiert haben und am Hafen hundemüde in unsere Betten kriechen können.

Alles in allem dauerte die Fährüberfahrt inklusive Wartezeit und Import/Export in unserem Fall 5 Tage. Es hätte schlimmer kommen können. Wir sind jetzt zwar völlig geschafft, aber die Zeit mit den Lastwagenfahrern hatte auch was Magisches. Wir werden sie so schnell nicht vergessen!

Hilfreiche Tipps für andere Reisende:

Von wo legt die Fähre ab?: Nach unserem Wissenstand, laufen alle Fähren Richtung Aserbaidschan vom neuen Fährhafen in Kuryk aus und nicht mehr von Aktau. In Aserbaidschan legen sie im Port von Alat an. Die Passagiertickets (Nur Passagiertickets) werden am Abfahrtstag direkt am Hafen verkauft.

Vorräte und Übernachtung: Bis ins nächste Dorf (heisst ebenfalls Kuryk) sind es 15-20 Kilometer. Hier kann man sich mit Lebensmitteln und anderen Vorräten eindecken (kleine Läden). Ebenfalls gibt es hier eine Bank. Am Hafen selbst gibt es nichts, bis auf ein Hotel. Dieses befindet sich hinter den Schranken auf dem Hafengelände und ist nur für zahlende Gäste zugänglich. Auf dem Parkplatz zu campieren ist ohne Probleme möglich. Toiletten und Duschen gibt es nicht.

Bankomat: Wie gesagt gibts nur im Dorf Kuryk, allerdings gibt es am Hafen eine Wechselstube (Wechselt Tenge, Rubel und USD). Vorsicht! Die Ausfuhr von Tenge ist offiziell nicht erlaubt, weshalb man ausserhalb Kasachstans nur schwer Tenge wechseln kann.

Ausreiseprozedere: Das Hafenpersonal sagte uns, dass im Schnitt jeden 3. bis 5. Tag eine Fähre eintreffen sollte (natürlich abhängig von den Wetterbedingungen). Niemand kann genau sagen, wann die Fähre genau kommt. Stellt euch darauf ein, einige Tage am Hafen zu warten. Sobald das Hafenpersonal über das Eintreffen einer Fähre informiert wird, geht das Chaos los. Die nötigen Dokumente für den Autoexport werden im Schneckentempo bearbeitet (mehrere Stunden Wartezeit).

Passagiertickets: Die werden direkt im Hafen und kurz vor Abfahrt der Fähre verkauft. Kosten: 80 Tenge pro Person.

Tickets fürs Fahrzeug: ACHTUNG, die werden erst in Aserbaidschan erhoben (Bezahlung in Tenge nicht möglich – Nur Manat und USD). Wir wurden vom Hafenpersonal in Kuryk völlig falsch darüber informiert und blieben dann auf einem Haufen Tenge sitzen, die wir in Baku fast nicht mehr umtauschen konnten. Kosten für normale Autos: 300 Dollar. Achtung, unsere Freunde mussten, da die Schifffahrtsgesellschaft ihren VW Camper als Minibus einstufte 80 Dollar/Meter bezahlen (Völlig willkürlich).

Das Leben an Bord der Fähre: Wir teilten uns zu viert eine Kabine. Klopapier gibts auf dem Boot keines. Bringt also euer eigenes mit. Die Mahlzeiten sind im Preis inbegriffen. Trotzdem lohnt es sich, etwas Extraproviant und Wasser dabei zu haben. Die Überfahrt dauerte in unserem Fall (bei bestem Wetter) 26 Stunden.